Prof. Dr. Ansgar Thiel: "Gesundheitsförderung in hybriden Welten – Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung der Gesellschaft"
 Hörsaal 1 (Hö 01) – Hörsaalgebäude (A3)
Donnerstag, 03. September 202614:00-15:00 
 

Kurz-Bio: Prof. Dr. Ansgar Thiel ist seit Mai 2024 Rektor der Deutschen Sporthochschule Köln. Von 2022 bis 2024 war er hauptamtlicher Dekan der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Tübingen. Zuvor war er 12 Jahre lang Direktor des Instituts für Sportwissenschaft der Universität Tübingen und dort gleichzeitig Leiter des Arbeitsbereiches Sozial- und Gesundheitswissenschaften. Seit 2004 ist er Professor an der Universität Tübingen. Von 2001 bis 2004 war er Professor an der TU Chemnitz. In der Forschung setzt er sich u.a. mit Aktivitäts- und gesundheitsbezogenen Biographien, sozialen Determinanten und biopsychosozialen Effekte von körperlicher Aktivität, körperbezogener Stereotypisierung und Stigmatisierung sowie psychosozialen Aspekte der Gesundheit im Spitzensport auseinander.

Ansgar Thiel hat eine Reihe an inter- und multidisziplinären Multi-Center-Forschungsprojekten unter Beteiligung von geistes-, sozial-, naturwissenschaftlichen und medizinischen Perspektiven geleitet, in der Funktion als Sprecher und/oder Principal Investigator (PI). Als Autor und Ko-Autor hat er 22 Monographien, 10 Herausgeberbände und mehr als 300 Artikel in begutachteten Zeitschriften und Sammelbänden publiziert.

Ansgar Thiel studierte Sportwissenschaft, Psychologie und Psychogerontologie an den Universitäten Tübingen und Erlangen-Nürnberg. Er promovierte und habilitierte im Fach Sportwissenschaft an der Universität Bielefeld.

Abstract: Digitalisierung ist in der heutigen Gesellschaft zu einem umfassenden Strukturprinzip des sozialen Lebens geworden. Sie durchdringt Alltagsroutinen, Arbeitsformen und Kommunikationsmuster – und verändert damit tiefgreifend, wie Menschen ihren Körper, ihre Bewegung und ihr soziales Umfeld erleben. Diese Transformation betrifft alle Generationen: von Kindern, deren Spiel- und Lernwelten zunehmend mediatisiert sind, bis hin zu älteren Menschen, deren Teilhabe immer stärker von digitalen Kompetenzen abhängt. Zugleich verstärken sich durch den demographischen Wandel die Anforderungen an eine nachhaltige, bewegungsorientierte Gesundheitsförderung. In diesem Spannungsfeld zwischen digitaler Durchdringung und demographischer Dynamik entstehen neue Chancen, aber auch Risiken für Gesundheit, Teilhabe und körperliche Aktivität.

Der Vortrag nimmt die Digitalisierung der Gesellschaft als doppeldeutiges Phänomen in den Blick: Einerseits als Treiber von Individualisierung, Entkörperlichung und Bewegungsmangel in alltäglichen Lebenswelten; andererseits als Träger neuer Möglichkeiten zur Förderung von Gesundheit, Teilhabe und Selbstwirksamkeit. Digitale Technologien – von Wearables über KI-gestützte Gesundheitsanwendungen bis zu telepräsenten Trainingsformaten – eröffnen Chancen für Prävention, Monitoring und Motivation. Zugleich stellen sie Fragen nach Autonomie, sozialer Einbindung und nach der „menschlichen Dimension“ technologischer Gesundheitspraktiken.

In einem kritisch-soziologischen Zugriff werden Chancen, Grenzen und Nebenwirkungen einer digitalisierten Gesundheitsförderung für eine auf körperlichen Kontakt und Bewegung angewiesene Bevölkerung diskutiert. Der Vortrag entwirft abschließend die Konturen einer hybriden Gesundheitsförderung, die digitale und physische Räume nicht als Gegensätze, sondern als komplementäre Sphären versteht – mit dem Ziel, Gesundheit als soziales, körperliches und technologisches Beziehungsgeflecht neu zu denken.

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